Nazi-Bauten - DER SPIEGEL

2022-10-09 16:31:20 By : Mr. David Zhong

Es war eine schöne, würdige und sehr bayerische kleine Feier. Blasmusiker spielten auf, eine Trachtengruppe war gekommen, die örtlichen Honoratioren und selbst ein enger Weggefährte des Papstes waren erschienen, um die kleine Wegmacher-Kapelle unweit des Obersalzbergs angemessen einzuweihen.

Matthias Ferwagner, Bauamtsleiter von Traunstein, erzählte die rührende Geschichte der krebskranken Sophia, die Gänseblümchen an die Mauern des Gebetshäuschens steckte, um ihre Eltern zu trösten. Wenig später konnte das kleine Gotteshaus - verkehrsgünstig an der B 20 gelegen - seine Bestimmung erfüllen: Bayerns Straßenbauern und Autofahrern Schutz von oben zu gewähren.

13 Jahre später wären viele der damaligen Gäste gottfroh, die Kapelle wäre nie gebaut worden. Denn ob sie ihre geistliche Schutzfunktion erfüllt, ist naturgemäß ungewiss. Sicher ist allerdings, dass sie in weltlicher Hinsicht nichts als Ärger macht.

Die roten Marmorplatten auf dem Boden der Kapelle sollen historisch belastet sein. Knapp zehn Quadratmeter Stein könnten, so fürchten viele Berchtesgadener, zur Wallfahrtstätte von Neonazis und Ewiggestrigen werden und damit zu einem Problem für den Tourismus am Watzmann. Denn es sind womöglich die Platten Adolf Hitlers, die einst die Terrasse seines Berghofs auf dem Obersalzberg zierten. Das zumindest behauptete der Historiker Florian Beierl, der rund um Hitlers früheren Berghof nach der Vergangenheit gräbt. Und er behauptete es nicht irgendwo, sondern ausgerechnet in der renommierten "International Herald Tribune".

Seitdem herrscht in der Region helle Aufregung. Erregt wird in den Lokalzeitungen, im Bayerischen Fernsehen und im Internet die Frage diskutiert, ob Beierl nicht besser den Mund gehalten hätte. Denn nun wird sogar vorgeschlagen, die Kapelle wieder abzureißen. Historiker Beierl verteidigt sich, eine Geheimhaltung hätte nicht der notwendigen Ernsthaftigkeit im Umgang mit dem nationalsozialistischen Erbe entsprochen.

Der Streit um die Platten des "Führers" scheint zunächst absurd, doch die Steine haben hohen Symbolwert: Auf ihnen räkelte sich einst Eva Braun im Badeanzug, und der Diktator tätschelte dort Kinder und Schäferhunde oder begrüßte seine Spießgesellen Heinrich Himmler und Martin Bormann. "Meine großen Pläne", rühmte Hitlerden Berghof"sind alle dort entstanden." Um Hitlers Propaganda-Kulisse endgültig zu zerstören, wurden unter der Kontrolle der US-Armee nach dem Krieg die meisten übriggebliebenen Gebäude der ausgebombten Alpenresidenz gesprengt, man ließ Gras über die Sache wachsen. Dort, wo früher die SS-Kaserne gestanden hatte, befand sich nun ein Fußballplatz.

1996 übernahm die bayerische Staatsregierung die Verfügungsgewalt über das historisch belastete Gelände. Um braunen Nostalgikern keine Chance zu lassen, wurden ein Luxushotel und ein Dokumentationszentrum geplant, und man begann mit der Beseitigung der Mauerreste, der sogenannten Tiefenenttrümmerung.

Doch 1999 versank ein Bagger auf dem Bolzplatz, und Bauarbeiter stießen auf ein üppiges Bunkersystem. Heizkeller, Versorgungsschächte und geheime Schutzräume erstreckten sich unterirdisch über mehrere hundert Quadratmeter. Die Arbeiter drangen in Zimmer vor, die seit 1945 nicht mehr geöffnet worden waren.

Das zuständige bayerische Finanzministerium beschloss, schnell zu handeln. Auf keinen Fall sollten die HitlerVerehrer von den neuen Funden Wind bekommen. Und die Denkmalschützer auch nicht. Nicht auszudenken, wenn man die Ruinen des Bösen auch noch für die Nachwelt hätte konservieren müssen. Schnell also und ohne den Denkmalschutz zu beteiligen, startete man eine zweite Abbruchwelle unterhalb der Grasnarbe.

Jeder Stein müsse geschreddert und die Trümmer weggefahren werden, ordnete München an. Ein Geo-Ingenieur musste im Februar 2000 am Obersalzberg einen Container beziehen und die endgültige Vernichtung überwachen, Sicherheitsleute mit Schäferhunden sicherten die Bauzäune vor Hitler-Wallfahrern. "Wir haben die Vergangenheit beseitigt, soweit Ruinen da waren", verkündete der damalige Finanzminister Kurt Faltlhauser im bayerischen Landtag.

Der Mann irrte sich. Denn der Handel mit braunen Devotionalien, mit Musikinstrumenten, Nazi-Besteck und -Kaffeetassen, mit Fensterrahmen, Heizungsrohren und auch mit Marmor aus dem Salzburger Land ging unverändert weiter.

Vieles, was brauchbar gewesen sei, habe man auf dem kleinen Dienstweg durch den Bauzaun gereicht, berichten Einwohner. Touristen, Einheimische und Arbeiter sammelten heimlich Material. Und auch Bauamtsleiter Ferwagner fand den Marmor viel zu schade für den Steinbrecher. Er ließ etliche Blöcke zum Bauhof Bischofswiesen bringen. "Mia ham da ned lang g'fragt", sagt der Architekt heute, ausdrücklich verboten sei das ohnehin nicht gewesen.

Vor allem die roten Marmorplatten der BerghofTerrasse galten als Zierde der Steinmetzkunst. Ferwagner wies einen Fahrer an, das Steingut an geschützter Stelle des Bauhofs zu deponieren. Ein paar Monate später kam es ihm für den Boden der Wegmacher-Kapelle gerade recht. Geld hatte man wie immer zu wenig, und die Berghof-Platten gab es umsonst.

Ferwagner, ein Anhänger der Geomantie, störte sich an der braunen Vorbelastung des Materials nicht weiter. Die kirchliche Weihe, da war er sich sicher, werde den Marmor schon von bösen Geistern reinigen.

Und er war nicht der Einzige, der in Hitlers Plattensammlung kein Problem sah. "Sie finden kaum einen Steinmetz in der Region, der nicht Säulen und Quader vom Obersalzberg lagert", sagt Ferwagner. Ein reicher Privatmann aus dem Salzburger Land soll Reste des Berghofs in seine monumentale Villa eingebaut haben. In der Polizeischule Mitterfelden schmücken Marmorsäulen vom Obersalzberg den Eingang, andere NS-Steine stützen die Naturschutzakademie Laufen und das Foyer des Bauamts Traunstein.

Berchtesgaden wird den "Führer" nicht los. Niemand weiß so recht, wie man mit dem peinlichen Erbe nun umgehen soll. Muss die Kapelle tatsächlich wieder abgerissen werden? Das Finanzministerium will in alten Verträgen prüfen, ob es überhaupt zuständig ist.

Dabei ist gar nicht sicher, ob es tatsächlich Hitler-Platten sind, die nun in der Kapelle liegen. Augenzeugen erzählten dem Historiker Beierl nun, dass auch Bauamtsleiter Ferwagner übertölpelt worden sei. Die Terrassensteine seien nie am Bauhof abgeliefert worden. Auf dem Weg vom Obersalzberg ins Tal seien sie abgezweigt worden. Und damit der Schwindel nicht auffliege, habe man rote Platten einer abgerissenen Brücke an ihre Stelle gelegt. Die seien dann später in die Kapelle eingebaut worden.

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Onkel Adolf: Auf der Terasse des Berghofs ließ sich Hitler im Sommer 1942 mit der kleinen Uschi Schneider, der Tochter einer Freundin seiner Geliebten Eva Braun, ablichten.

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