St.Galler Baufirma eröffnet Kunstbaustelle

2022-10-14 14:57:19 By : Ms. May Wang

Auf dem Gelände der Baufirma Morant in St.Gallen hat diese Woche die Kunstbaustelle geöffnet. Vier Steinbildhauerinnen und drei Steinbildhauer lassen sich bei der Arbeit über die Schultern schauen. Am Samstag steht das Finale mit der Prämierung der Werke und einem Helikoptereinsatz an.

Es hämmert und dröhnt. Staubwolken steigen auf. Auf dem Areal der Baufirma Morant zwischen Lerchenfeld und Lachen machen sich für einmal nicht Bauarbeiter zu schaffen. Seit Dienstagmorgen sind an der Rechenstrasse 8 sieben Steinbildhauerinnen und Steinbildhauer am Werk. Sie haben sich in Kojen eingerichtet, in denen sonst Kieshaufen lagern und Baustellenfahrzeuge parkieren. Ein Zeltdach schützt die Kunstschaffenden vor der Witterung. Sie arbeiten mit Marmor, Sandstein, Basalt oder Kreidekalk. Das Werkzeug haben sie selbst mitgebracht.

Die Kunstbaustelle an der Rechenstrasse 8 ist noch bis Samstag geöffnet. Interessierte sind täglich von 10 bis 17 Uhr eingeladen, den Kunstschaffenden über die Schultern zu schauen und mitzuverfolgen, was sie aus einem Steinblock erschaffen. Während der nächsten vier Tage werden unter anderem ein Wollschwein und ein Feuersalamander Gestalt annehmen.

Die Kunstschaffenden sind von der Morant-Stiftung, die vor einem Jahr gegründet wurde, ausgewählt und eingeladen worden. Die Vorgabe war, mit Naturstein zu arbeiten und vorgängig eine Skizze einzureichen. Ansonsten seien die vier Frauen und drei Männer aus der Ostschweiz völlig frei gewesen hinsichtlich der Themen- und Materialwahl, sagt Alexander Morant, Stiftungspräsident und CEO der Morant AG. Ziel der Kunstbaustelle sei es, die Freude an der Kunst und am Kunsthandwerk zu teilen und einem breiten Publikum einen Zugang zu ermöglichen.

Am Samstag, 10. September, ist die Kunstbaustelle ab 12 Uhr geöffnet. Es finden das Finale und die Prämierung der Skulpturen statt – zeitgleich zur Museumsnacht. Um 18.30 Uhr ist eine Liveperformance des Künstlers Hans Thomann zu erwarten, bei der ein Helikopter zum Einsatz kommt. Aus schwindelerregender Höhe lässt er die Statuen von Venus und Nike in die Tiefe stürzen. Aus den Bruchstücken wird der Künstler ein neues Werk schaffen.

Ab Samstagmittag sind auf dem Gelände der Baufirma eine Reihe weiterer Aktivitäten geplant. Interessierte können sich als Steinbildhauerinnen und Steinbildhauer versuchen und entsprechendes Werkzeug ausprobieren. Sie haben zudem die Gelegenheit, sich ans Steuer eines Baggers zu setzen – angeleitet von einem Baumaschinenführer. Für Kinder steht ein XL-Sandkasten bereit. Auch fürs leibliche Wohl ist gesorgt. (cw)

Am Dienstagmorgen haben manche der Kunstschaffenden eben erst begonnen, einen Steinblock zu bearbeiten. Andere haben die Grobarbeit bereits im Atelier erledigt und feilen nun an den Details. Besonders weit ist Karin Reichmuth aus Goldingen, die sich über einen Astronauten aus Marmor beugt und mit einem kleinen Presslufthammer dessen Hände ausarbeitet. «Der ist doch schon fast fertig», wundert sich eine Besucherin und betrachtet die Figur, die einem Comic entsprungen scheint. Doch Reichmuth, die kurz mit der Arbeit innehält, verneint: «Ich arbeite gerne an Details. Und Details brauchen Zeit.» Mit Marmor sei es kaum möglich, innerhalb von Wochenfrist ein Projekt umzusetzen.

Auch die Arbeit von Heinz Zellweger aus Trogen ist schon weit fortgeschritten. Der Künstler, der sich von Bienenwaben und Korallen inspirieren lässt, bearbeitet einen bemoosten Basaltblock und überzieht ihn mit einer wabenartigen Struktur. Pro Loch, das er in den Stein haut, rechnet er mit einer Arbeitsstunde. Nicht weniger als 250 Löcher hat er sich vorgenommen. Weil dies an fünf Tagen kaum zu schaffen ist, hat auch er Vorarbeit geleistet.

Dagegen schaut bei Susan Kopp aus Wigoltingen erst eine Schweinchenschnauze aus dem Kreidekalk-Quader hervor. «Hommage an das Schwein» wird sie ihre Arbeit nennen. Als Vorlage dient ein ausgestopftes Wollschwein aus dem Naturmuseum Frauenfeld. Kopp arbeitet als Einzige ohne Maschinen und Apparate. «Bei mir ist jeder Schlag von Hand», sagt sie. «Das tönt schön.»

Die St.Galler Künstlerin Irene Thoma steht noch am Anfang – vor sich eine kleine Skizze in Ton. Thoma arbeitet an einer «Geschirrskulptur» und stellt sich vor, wie diese einmal in einem Garten steht: ein Sockel, auf dem sich Teller und Schüsselchen stapeln und mit der Zeit mit Regenwasser und Laub füllen. «Dreckiges Geschirr will man sonst schnell loswerden. Ich haue es in Stein», sagt sie. Eine strenge Arbeit sei das. «Mal schauen, wie weit ich in fünf Tagen komme.»

Die Kunstschaffenden gehen unterschiedlich damit um, dass für einmal Publikum vorbeikommt. Tobias Kupferschmidt aus Gais, der als Steinmetz schon an Berufsweltmeisterschaften teilgenommen hat, ist sich an Zuschauerinnen und Zuschauer gewohnt. «Die Konzentration leidet nicht», findet er.

Brigitte Schneider aus Istighofen haut aus Marmor ein Schiff mit überlangem Kiel. Sie freut sich aufs Arbeiten in der Öffentlichkeit: «Es ist eine gute Abwechslung zum eher einsamen Atelieralltag.» Und Roland Rüegg aus Wattwil macht sich auf Fragen gefasst. «Kann man davon leben?», wird er besonders oft gefragt. Er schüttelt den Kopf. «Nein, ich brauche daneben mehrere Brotjobs.»

Den Kunstschaffenden bleibt noch Zeit bis zur Prämierung am Samstag. Die Jury, welche die Skulpturen begutachtet, setzt sich aus den Mitgliedern des Stiftungsrats zusammen. «Wir wählen das schönste Werk», sagt Alexander Morant. Als erster Preis winkt der Ankauf der Skulptur. Alle Werke, die auf der Kunstbaustelle entstehen, sollen aber noch länger zu sehen sein. Ein Jahr lang werden sie im Skulpturengarten neben dem Morant-Firmengebäude stehen.